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2009.11.26, 15:03

Kommentierte Auszuege aus einer "Einverstaendniserklaerung"

Oder: Eine Warnung vor dem Fotografenvertrag der Lokalisten

Die Lokalisten.de? Wer ist das und wieso interessiert mich das Thema? Ein kurzer Rueckblick zur Erlaeuterung der Umstaende ...

Wie den meisten Lesern meines Weblogs kaum entgangen sein kann, bin ich seit Ende 2007 begeisterter Hobbyfotograf mit dem steten Antrieb, meine Faehigkeiten so weit zu verbessern, dass ich mein Hobby eines Tages zum Beruf machen kann. Dazu ist mir beinahe jedes legale Mittel recht - dennoch gibt es Grenzen.

Seit Mitte 2009 beschaeftige ich mich auch mit professioneller Eventfotografie in Tanzclubs und auf Veranstaltungen. Um diesem Spezialgebiet nachgehen zu koennen, bewarb ich mich bei Tilllate.de als "Junior" Fotograf und zog fuer eine Weile gemeinsam mit Sascha fuer Tilllate.de durch Bonner Clubs. Das funktionierte soweit ganz gut und mit der gesammelten Erfahrung und den erzielten Ergebnissen stand ich nun kurz davor, offiziell als Fotograf in die Tilllate.de Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Leider musste das Unternehmen selbst in dem Zeitraum Konkurs anmelden und ich konnte somit keinen Vertrag als freier Mitarbeiter mit Tilllate.de abschliessen.

Parallel zu dieser Entwicklung kauften jedoch die Lokalisten.de, eine ProSieben Beteiligung, die Konkursmasse der Tilllate.de auf und uebernahm einen strategisch wichtigen Teil der Mitarbeiter, um in aehnlicher Form das Kerngeschaeft der Tilllate.de fortzufuehren und deren Kunden und Fotografen mit an Bord zu bringen.

Solche Uebernahmen kosten Zeit und muessen gut vorbereitet werden, um rechtlich und politisch sauber abzulaufen. Die Fotografen harrten der Dinge und erwarteten gespannt neue Merchandising Artikel, Vertraege, Regeln und den Fotografenstatus auf der Lokalisten.de Plattform.

Schliesslich war es soweit und mit einer kurz gehaltenen Mail wurden die Fotografen dann zur schnellen Unterschrift eines Vertrages angehalten, der die kuenftige Zusammenarbeit mit den Lokalisten.de regeln sollte. Hier ein Auszug:

Hallo meine Lieben,
diese Woche wollten wir uns mit euch nochmal treffen zwecks Fotografen-„Vertrag“. Doch leider gibt es noch Probleme mit dem Office daher machen wir es so, dass ich euch die PDF nun zuschicke und ihr sie mir bzw. Giuli unterschrieben zurück gibt. Ich will nicht noch länger warten….

Im Anhang befand sich ein Dokument "Einverstaendniserklaerung.doc", auf das ich spaeter im Einzelnen naeher eingehen werde. Kurz vorneweg, einige erfahrenere Fotografen hielten diesen Vertrag fuer inakzeptabel und baten um Erlaeuterungen und Aenderungen, die dann von den Ansprechpartnern bei den Lokalisten.de (vorher bei Tilllate.de) zur Kenntnis genommen, ins Laecherliche gezogen und anschliessend komplett ignoriert wurden.

Ich moechte an dieser Stelle schonmal zum Ausdruck bringen, dass ich dieses Verhalten seitens Lokalisten.de nicht nur fuer unprofessionell halte, nein, aufgrund der teilweise langjaehrigen Zusammenarbeit mit einigen Fotografen empfinde ich dieses Verhalten als einen grossen Vertrauensbruch. Bis heute wurde kein geeigneterer Vertrag vorgelegt.

Nun moechte ich den Vertrag in Auszuegen zitieren und juristisch klarstellen, was er bedeutet. Ich bin selbst kein Jurist, doch hatte ich hierbei Hilfe eines Anwalts, der grosse Unternehmen vertritt und deren Prozesse gewinnt - ich vertraue auf seine juristische Interpretation.

Zuerst schliesst der Vertrag in Absatz 1 und 2 aus, dass man im Namen der Lokalisten.de auftritt und stellt fest, dass der Fotograf auf eigene Kosten und eigenes Risiko unterwegs ist. Ausserdem stellt er klar, dass der Fotograf unbezahlt arbeitet.

Absatz 3 besagt:

Ich bin verpflichtet, mir als Event-Fotograf das Einverständnis der von mir fotografierten Personen zur unbeschränkten Veröffentlichung der Bilder einzuholen.

Das kann nicht funktionieren. Man muss sich das einfach mal vorstellen: Der Fotograf befindet sich optimaler Weise in einem brechend vollen Club und sucht nach Menschen, die sich allein oder gemeinsam fotografieren lassen moechten. Bevor er die Bilder jedoch auf die Plattform der Lokalisten.de hochlaedt, muss er sich von allen abgebildeten Personen Einverstaendniserklaerungen einholen - im Optimalfall sollen mindestens 60 Bilder innerhalb von 24 Stunden hochgeladen werden - Das ist unmoeglich.

Absatz 4 besagt:

Ich übertrage der lokalisten media GmbH hiermit sämtliche, im Zusammenhang mit dem von mir an die lokalisten media GmbH übermittelten Bildmaterial entstandenen, entstehenden und/oder hierfür von mir erworbenen oder zu erwerbenden urheberrechtlichen Nutzungs-, Leistungsschutz- und sonstigen Rechte zur frei übertragbaren, zeitlich, räumlich und sachlich uneingeschränkten Nutzung in allen Medien. Die lokalisten media GmbH ist zur unbegrenzten Auswertung des Bildmaterials und der überlassenen Informationen berechtigt. Der lokalisten media GmbH wird die Weiterübertragung sämtlicher Rechte an Dritte gestattet.

Das bedeutet, dass der Fotograf seine Nutzungsrechte an die Lokalisten.de und durch die Lokalisten.de bestimmte Dritte abgibt. Hierbei verliert er selbst die Berechtigung, seine eigenen Bilder zu nutzen, wofuer er dann wiederum durch die Lokalisten.de und jene Dritte verklagt werden kann, denen er die Rechte uebertragen hatte, sollte er es dennoch tun. Das kann nicht im Interesse des Fotografen sein. Nicht nur, weil die Leistungen des Fotografen nicht verguetet werden, sondern auch, weil man ja gerne einmal gelungene Bilder in sein Portfolio aufnehmen moechte.

Hierzu schreibt der Jurist:

Es ist überhaupt keine innere Rechtfertigung ersichtlich, warum ein Urheber unwiderruflich und unentgeltlich eine so weitgehende Rechteübertragung vereinbaren sollte. Allenfalls sollte er dem Vertragspartner gestatten, unwiderruflich die Werke auf seinem Portal nutzen zu können. Weitere Nutzungsarten sollten nur individuell vereinbart werden.

Absaetze 5 und 6 besagen:

Ich garantiere, dass mir die an die lokalisten media GmbH nach vorstehendem Absatz übertragenen Rechte zustehen, nicht mit Rechten Dritter belastet sind und dass ich befugt bin, über diese Rechte insbesondere zu Gunsten von der lokalisten media GmbH zu verfügen.

Ich verpflichte mich, die lokalisten media GmbH von allen Ansprüchen Dritter, die gegen lokalisten media GmbH wegen der Auswertung des von mir überlassenen Bildmaterials geltend gemacht werden, auf das erste Anfordern freizustellen. Der vorstehende Freistellungsanspruch schließt die der lokalisten media GmbH für die Rechteverteidigung entstehenden Gerichts- und Anwaltskosten mit ein.

Das ist ein unscheinbarer aber entscheidender Absatz. Was ich als juristischer Laie nicht sehen konnte, stellt der Jurist wie folgt klar:

Die Haftungsfreistellung erfolgt garantiemäßig, so dass auch für unverschuldete Schäden oder Ersatzansprüche und den damit verbundenen Ermittlungs-, Anwalts- und Gerichtskosten evt. über mehrere Instanzen gehaftet wird. Das kann sich gegebenenfalls schnell auf einige 10.000 Euro addieren

Was er mit "kann sich [...] auf einige 10.000 Euro addieren" meint ist der Fall, in dem man auf einer geschlossenen Veranstaltung zum Beispiel versehentlich einen Superstar fotografiert, dessen Freigabeerklaerung man vor der Veroeffentlichung nicht eingeholt hat. Sobald er oder sein Agent die Bilder dann im Netz entdeckt, kann er eine vollstaendige Entfernung der Bilder aus dem Internet verlangen, fuer die nun der Fotograf die Kosten tragen muesste. Mal davon abgesehen, dass die vollstaendige Entfernung einmal im Internet veroeffentlichter Bilder unmoeglich erscheint, nehmen Firmen fuer solch eine Dienstleistung gerne 100 Euro pro Stunde. Natuerlich moechte der Superstar dann auch noch das Geld sehen, das er fuer eine vertragsmaessige Nutzung seiner Bilder berechnet haette - ist ja sein gutes Recht (am eigenen Bild). Zu guter Letzt schlaegt das Gericht zum Schadensersatz noch ein Strafgeld und die Gerichtskosten drauf, um einer Wiederholung vorzubeugen. Das kann teuer werden.

Der Vertrag, der einer unguenstigen Schenkung entspricht, schliest mit den beiden letzten Absaetzen noch schnell aus, dass ein Anspruch auf Veroeffentlichung bestehe und stellt die Einverstaendniserklaerung der Speicherung der Namens- und Adressdaten fest.

Fazit:

Die Lokalisten.de halten sich juristisch den Ruecken frei. Da gibt es keinen boesen Willen und keine versteckten Absichten, der Vertrag sagt dem Unterzeichner, wo er dran ist - immer vorausgesetzt der weiss, wie der Vertrag mit dem unschuldig klingenden Namen "Einverstaendniserklaerung.doc" richtig zu lesen ist.

Kurz und knapp: Ich kann und werde hier keinen juristischen Rat erteilen aber nach dem, was ich vorher ausgefuehrt habe und was mein Anwalt zum Thema zu sagen hatte, ist der Vertrag fuer mich so nicht akzeptabel und ich empfehle hier von Fotograf zur Fotograf, den Vertrag nicht zu schliessen und ihn ggf. zurueck zu nehmen.

Zum Schluss noch eine kleine Anekdote. Nachdem ich dem Juristen den Vetrag mit der Bitte um Erklaerung vorgelegt hatte, nahm dieser seinen Kugelschreiber zur Hand und strich mit juristisch trainierten flotten Bewegungen Absaetze 4, 5 und 6 durch. Danach sagte er grinsend: "So kann man das unterschreiben." - Alle entscheidenden Passagen fehlten nun. ^_^

Faulbaer (IANAL - SCNR!)

 
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